
Zwei Stunden Live-Talk können ziemlich lang werden. Oder erstaunlich schnell vergehen. Bei der Ausgabe von 3nach9 am Freitag, 11. September 2026, war eindeutig Letzteres der Fall. Judith Rakers und Giovanni di Lorenzo begrüßten im Studio von Radio Bremen eine Gästerunde, deren Geschichten kaum unterschiedlicher hätten sein können: Politik und Zeitgeschichte trafen auf Comedy, politischen Journalismus, Tischfußball auf Weltklasseniveau und spektakuläre Rettungseinsätze in den Bergen.
Und dann war da noch eine 95-Jährige, die zwar nicht persönlich nach Bremen gekommen war, dem Abend aber dennoch einen besonderen Akzent gab: Marianne Koch.
Die Schauspielerin, Ärztin, Moderatorin und Autorin Marianne Koch war aus München live zugeschaltet. Eine Reise nach Bremen wollte sie sich mit 95 Jahren verständlicherweise nicht mehr unbedingt zumuten. Ihrer Präsenz im Gespräch tat die räumliche Entfernung keinen Abbruch.
Anlass ihres Auftritts war auch ihr neues Buch „Mutig sein! – Erinnerungen an abenteuerliche 95 Jahre“. Koch blickte auf ein außergewöhnlich vielseitiges Leben zurück – und vermittelte dabei vor allem eines: Alter und Neugier müssen keineswegs Gegensätze sein.
Gerade diese Mischung aus Lebenserfahrung, Gelassenheit und weiterhin spürbarer Freude am Entdecken machte das Gespräch besonders. Marianne Koch gehört schließlich auch zur Geschichte von 3nach9: Sie war Moderatorin der ersten Stunde der traditionsreichen Bremer Talkshow.
Für eine der Geschichten des Abends sorgte Björn Engholm. Der frühere Ministerpräsident von Schleswig-Holstein und ehemalige SPD-Vorsitzende sprach mit Judith Rakers und Giovanni di Lorenzo über die Veränderungen der politischen Landschaft in Deutschland, über seine Partei und über eine politische Kultur, die sich aus seiner Sicht erheblich gewandelt hat.
Besonders unterhaltsam wurde es, als der 86-Jährige in seine persönliche Erinnerungskiste griff.
Engholm berichtete von einer Finnland-Reise mit Willy Brandt. Und wer bei Staatsbesuchen zunächst an Konferenzräume, Protokoll und steife Empfänge denkt, wurde eines Besseren belehrt: In Finnland gehörte auch ein gemeinsamer Saunabesuch mit dem finnischen Regierungschef dazu. Schließlich wurde in der Sauna sogar gemeinsam gesungen.
Politische Zeitgeschichte einmal nicht aus dem Archiv, sondern als herrlich persönliche Anekdote.
Auch Helmut Schmidt und François Mitterrand spielten in Engholms Erinnerungen eine Rolle. Bei einem Besuch in Schleswig-Holstein ging es unter anderem um verpatzte deutsche Weinlieferungen nach Frankreich – ein Vorgang, der beim französischen Staatspräsidenten seinerzeit offenbar alles andere als Begeisterung ausgelöst hatte.
Solche Geschichten waren eine Stärke dieser 3nach9-Ausgabe: Große Namen der europäischen Politik wurden plötzlich zu Menschen, die gemeinsam schwitzen, singen, diskutieren und sich über nicht angekommenen Wein ärgern.
Deutlich näher an der politischen Gegenwart bewegte sich Louis Klamroth. Der Moderator von „Hart aber fair“ sprach über seine Erfahrungen als Journalist, die politische Berichterstattung und seine Erlebnisse in der Woche nach der Wahl in Sachsen-Anhalt.
Ein Thema war dabei auch die Frage, wie Journalisten mit der AfD und ihren Politikern umgehen. Klamroth schilderte seine Perspektive auf einen Beruf, bei dem politische Auseinandersetzungen zum Alltag gehören und bei dem gleichzeitig Distanz, Vorbereitung und hartnäckiges Nachfragen gefragt sind.
Dass sein Interesse an Politik weit zurückreicht, zeigte ein anderes Thema des Gesprächs.
Schon als Jugendlicher hatte Klamroth die Auftritte des damaligen Hamburger Politikers Ronald Schill verfolgt. Die Beschäftigung mit Schill ließ ihn offenbar nicht vollständig los. Jahre später wurde daraus eine intensive Recherche und schließlich ein fünfteiliger Podcast. Dafür machte sich Klamroth sogar auf den Weg nach Brasilien, wo er Schill persönlich besuchte.
So entstand an diesem Abend eine interessante Verbindung zwischen den politischen Erinnerungen Engholms und Klamroths journalistischem Blick auf die jüngere deutsche Politik.
Dann wurde es sportlich – allerdings nicht auf einem Fußballplatz, sondern an einem Tisch mit acht Stangen und 22 kleinen Spielfiguren.
Linh Tran berichtete von ihrem Weg zu einer der erfolgreichsten Tischfußballspielerinnen der Welt. Die gebürtige Hessin war 2023 und 2024 die Nummer eins der Weltrangliste und ist fünffache Tischfußball-Weltmeisterin.
Doch hinter Titeln und Pokalen steckt eine persönliche Geschichte. Tran erzählte auch von ihren aus Vietnam geflüchteten Eltern und einer Erziehung, in der harte Arbeit, Disziplin und Pflichterfüllung eine zentrale Rolle spielten. Was zunächst nach einer Geschichte über einen ungewöhnlichen Sport klang, wurde damit zugleich zu einem Gespräch über Herkunft, Erwartungen, Ehrgeiz und den eigenen Lebensweg.
Natürlich durfte bei 3nach9 auch die Praxis nicht fehlen.
In einem kurzen Match stellte Linh Tran ihr Können unter Beweis. Auf der anderen Seite des Kickertisches standen Mirja Boes und Louis Klamroth. Zwei gegen eine klingt zunächst nach einem gewissen Vorteil.
Nur eben nicht unbedingt, wenn die eine Person auf der anderen Seite fünffache Weltmeisterin ist.
Für den komödiantischen Teil des Abends brauchte es bei Mirja Boes nicht einmal eine vorbereitete Pointe. Ihr Familienleben liefert offenbar ausreichend Material.
Seit mehr als 20 Jahren gehört Boes zu den bekanntesten Comediennes Deutschlands. Bei 3nach9 erzählte sie von den Vorbereitungen auf ihr neues Bühnenprogramm, das in der darauffolgenden Woche in Düsseldorf startet, von ihrem Sommerurlaub mit ihren inzwischen pubertierenden Söhnen – und von Reisen aus ihrer eigenen Jugend.
Dabei spielte ein Thema eine erstaunlich große Rolle: Benzin. Genauer gesagt: zu wenig Benzin.
Ihr Vater hatte offenbar die Angewohnheit, das Tanken so lange hinauszuzögern, bis die Frage „Schaffen wir es noch bis zur nächsten Tankstelle?“ keine theoretische mehr war. Auf Familienreisen nach Süditalien und Frankreich blieb das Auto deshalb mehrfach mit leerem Tank auf der Autobahn liegen.
Was für die Familie damals vermutlich nicht immer besonders lustig war, eignet sich Jahrzehnte später hervorragend als Bühnenmaterial.
Und manche Traditionen werden eben weitergegeben.
Denn die Neigung zum sehr späten Tankstopp hat Mirja Boes nach eigener Schilderung von ihrem Vater übernommen. Das wiederum sorgt bei ihren Tourmusikern für einen gewissen Nervenkitzel, sobald die Chefin selbst am Steuer des Tourbusses sitzt.
Andere Bands fragen sich unterwegs vielleicht, wie der nächste Auftritt wird. Bei Mirja Boes kommt offenbar noch die Frage hinzu: Kommen wir überhaupt bis zum Auftritt?
Einen starken Kontrast zu den humorvollen Geschichten bildete das Gespräch mit den Bergrettern Tobias Stöffelbauer und Toni Vogg aus Grainau. Millionen Fernsehzuschauer kennen ihre Arbeit aus der ARD-Dokuserie „In höchster Not“.
Was im Fernsehen spektakulär aussieht, bedeutet für die ehrenamtlichen Retter in der Realität Verantwortung, körperliche Belastung und mitunter Situationen, die noch lange nach einem Einsatz im Kopf bleiben.
Stöffelbauer hat nach eigenen Angaben bereits rund 800 Einsätze absolviert, Vogg etwa 250. Allein in der vergangenen Saison rückte die Bergwacht Grainau rund 150-mal aus.
Bei 3nach9 erzählten die beiden, wie Menschen überhaupt in Situationen geraten, aus denen sie ohne Hilfe nicht mehr herauskommen, was sie Bergsportlern zur Vermeidung von Notfällen raten und weshalb sie selbst immer wieder bereit sind, für andere Menschen erhebliche Risiken einzugehen.
Besonders bemerkenswert: Sie tun diese Arbeit ehrenamtlich.
Zwischen all den Zahlen wurde dadurch schnell deutlich, dass hinter jedem Einsatz eine konkrete Geschichte steckt – und häufig ein Mensch, der darauf angewiesen ist, dass andere bereit sind, sich auf den Weg zu machen.
Genau die Mischung machte die 3nach9-Sendung vom 11. September 2026 so unterhaltsam.
Hier die 95-jährige Marianne Koch mit ihrer beeindruckenden Lebensgeschichte, dort Björn Engholm mit Erinnerungen an Willy Brandt, Helmut Schmidt und François Mitterrand. Louis Klamroth brachte die politische und journalistische Gegenwart ins Studio, Linh Tran Weltklasse-Sport und ihre deutsch-vietnamesische Familiengeschichte. Mirja Boes bewies, dass selbst eine leere Tankanzeige Jahrzehnte später noch hervorragenden Unterhaltungswert besitzen kann. Und Tobias Stöffelbauer und Toni Vogg erinnerten daran, dass Mut manchmal nichts Abstraktes ist, sondern bedeutet, mitten in der Nacht aufzubrechen, weil irgendwo am Berg ein Mensch Hilfe braucht.
Judith Rakers und Giovanni di Lorenzo ließen ihren Gästen dabei genügend Raum für längere Geschichten – eine der Qualitäten, die das Talkshow-Urgestein aus Bremen seit Jahrzehnten auszeichnet.
Am Ende dieser zweistündigen Live-Ausgabe blieb deshalb vor allem ein Eindruck: Die Zeit war erstaunlich schnell vergangen.
Und vielleicht ist das für eine Talkshow immer noch das schönste Kompliment.